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Kerala: Werden hier etwa alle Menschen Brüder?

In zahlreichen Ländern der Welt begegnen die Religionen einander mit wachsendem Misstrauen. In Kerala scheint jedoch fast himmlischer Friede zu herrschen. Und wenn es einmal Streit gibt – wird dieser schnell geschlichtet, so die Aussage vieler Keraliten. Was ist das Geheimnis dieses interreligiösen Einvernehmens?

Wenn Pater Gasper von der katholischen Diözese in Cochin Sonntagmorgens seine Schäflein zum Gottesdienst erwartet, kann er sich auf ein volles Haus freuen. Anders als viele Kirchen hierzulande wird sein Gotteshaus nämlich gut besucht sein. Knapp 20 Prozent der Keraliten sind orthodoxe und römisch-katholische Christen; und für die meisten von Ihnen scheint es allsonntäglich nur eins zu geben: in eine der zahlreichen Kirchen zu pilgern, die hier bunt geschmückt im Art-Deko Stil über das Land verstreut sind. Wie beispielsweise die bischöfliche Kathedrale von Cochin. Auch die örtlichen Muezzine und die zahlreichen hinduistischen Priester können nicht klagen. Die Gebetsräume und Tempel sind voll, die Spendenkassen gut gefüllt. Und das Beste ist: Sie verstehen sich alle prächtig, trotz ihrer verschiedenen Religionen und Sitten. Was im Rest der Welt oftmals ein Problem darstellt, hier im tiefen Süden Indiens scheint er zu funktionieren, der Dialog der Kulturen.
Rückblick:
Kerala, das ist der dicht besiedelte tropische Küstenstaat, der an der westlichen Südspitze des riesigen Landes Indien liegt. Über knapp 600 Kilometer Küstenlänge erstreckt er sich am Ufer des Arabischen Meeres. So weit das Auge reicht prägen Palmen das Landschaftsbild – und zahlreiche Gotteshäuser. Kirchen, Moscheen, hinduistische Tempel und Synagogen stehen hier einträchtig nebeneinander, und das seit Jahrhunderten. Bereits im ersten Jahrhundert nach Christus soll der Heilige Thomas mit einigen Gefährten an der Westküste Indiens, der Malabarküste, gelandet sein. So will es die Legende. Den frommen Glaubensbrüdern, die nach vermutlich abenteuerlicher Seereise endlich wieder Land erblickten, muss die grüne Küste Keralas wie ein Paradies erschienen sein. Einer trockenen Region entstammend und über Wochen in einem kleinen Boot eingepfercht, erblickten sie schon von Weitem die grünen Hügel der sogenannten "Western Ghats". Ein Bild, das sie vermutlich niemals zuvor in ähnlicher Weise gesehen hatten, und welches Ihnen wie das gelobte Land erschienen sein muss. Jahrhunderte später folgten zunächst muslimische Händler, dann kamen die Europäer und mit ihnen die römisch-katholische Kirche. Mit der Einwanderung zahlreicher Juden aus Europa, ab dem 16. Jahrhundert, war das kulturelle Potpourri des Landes komplett. Sie alle suchten ihr Glück in der ursprünglich rein hinduistischen Region, die bislang von lokal konkurrierenden Fürsten regiert wurde. Letztere hatten im Lauf der Zeit immer mehr Macht mit den Neuankömmlingen teilen müssen, die entweder missionieren oder Handel treiben wollten - oft genug jedoch Beides. Jede Einwanderergruppe brachte in der Folge ihre eigenen Bräuche und Überzeugungen mit und adaptierte dafür fremde Sitten. Eine multikulturelle Gesellschaft entstand, und sie besteht bis heute, ungeachtet der Tatsache, dass Portugiesen, Holländer und Engländer versuchten, die Region gewaltsam unter ihre Herrschaft zu zwingen, um sie wirtschaftlich auszubeuten. Jeder profitierte offenbar von der Begegnung mit dem Anderen. Eine winwin-Situation für alle Beteiligten, die allzu heftige Konflikte unnötig machte.
Doch woran liegt es konkret, dass hier im tropischen Süden Indiens so selbstverständlich funktioniert, wofür in anderen Ländern Verträge, Vereinbarungen und Ermahnungen nötig sind? Pater Gasper von der bischöflichen Residenz in Cochin hat da eine Erklärung, wenngleich eine katholisch geprägte. Für ihn besteht der Hauptgrund der friedlichen Koexistenz in der Toleranz des Hinduismus. Schließlich sei, so der Gottesmann, der Hinduismus mit seinen hunderten von Gottheiten mehr eine Kultur als eine Religion. Da komme es auf eine Gottheit mehr oder weniger nicht an. Und so seien die ersten Missionare damals im ersten Jahrhundert nach Christus mit offenen Armen empfangen worden, um die frohe Botschaft von Jesu Auferstehung zu verkünden. Ein scheinbar leichtes Spiel für die eifrigen Glaubensmänner und ihren Herrn. Doch nicht nur für sie. Auch zahlreiche Moscheen künden in Kerala von der Überzeugung, dass es keinen Gott außer Allah gibt, und dass Mohammed sein Botschafter ist. Rund 25 Prozent der Keraliten bekennen sich zum Islam. Bis auf die unrühmliche Zeit der portugiesischen Herrschaft über Kerala, im 16. und 17. Jahrhundert, ging es auch den in Europa verfolgten Juden hier stets gut. Keine Ghettos, keine Zwangssteuer, keine Pogrome. Mitunter stehen die Sakralbauten der Muslime nur in buchstäblicher Steinwurfnähe von Kirchen, Tempeln und Synagogen entfernt; ein Umstand, der anderswo tatsächlich Steinhagel provozieren würde. Hier jedoch ist davon wenig zu spüren, wenngleich auch die Gesellschaft Keralas selbstverständlich nicht konfliktfrei ist.
„Hassprediger haben hier keine Chance“, so Pater Gasper. „Es hört einfach keiner auf sie“. Fast scheint es, als sei der Marketingspruch der keralitischen Tourismusbehörde hier wahr geworden: „Gottes eigenes Land“, lautet der. Die Gläubigen von vier Weltreligionen, die hier vergleichsweise einträchtig miteinander leben, betonen: „Wenn es einmal Ärger gibt, dann setzen wir uns zusammen und reden“. Nun sind Keraliten vermutlich auch nicht frommer als anderswo auf dem Subkontinent. Daher muss es noch andere Gründe dafür geben, dass interreligiöse Differenzen und kulturelle Unterschiede hier nicht gleich zu Pogromen führen, und diese Gründe gibt es tatsächlich.

Bildung ist der Schlüssel zum Erfolg: 
Mit einer Alphabetisierungsquote von weit über 90 Prozent ist der Bundesstaat Kerala einsamer Spitzenreiter in Sachen Grundbildung auf dem Subkontinent. Für den Kulturwissenschaftler Anthony Palakkal vom renommierten Loyola College in Trivandrum, ist das einer der Hauptgründe, warum in der Multikulti-Gesellschaft eine fast himmlische Harmonie unter den verschiedenen Glaubensgruppen herrscht. Der Wissenschaftler, der selbst ein Keralit ist, erforscht seit Jahren die Lebensbedingungen der Menschen, und er kommt zu einem erstaunlichen Schluss: Die christlichen Missionare seien entscheidend für den hohen Bildungsstandard an der Malabarküste mitverantwortlich. Schließlich hätten sie als erste schon früh damit begonnen, in ihren Konventen und Schulen die bis dahin ungebildeten Massen in Lesen und Schreiben zu unterrichten. Dass dies freilich nicht ganz uneigennützig geschah, ficht ihn dabei nicht an. Für ihn zählt das positive Resultat. Die im hinduistischen Kastenwesen unterprivilegierten Bevölkerungsgruppen konvertierten zwar in der Folge häufig zum Christentum, aber zugleich verbesserte sich ihre Lebenssituation nachhaltig. „Zum ersten Mal hatten die Menschen, die zuvor meist Niedrigkastige waren, eine eigene Identität, eine Individualität, auf die sie stolz sein konnten“, so Palakkal. Wen störte es da, dass die neu gewonnenen Bildungsbürger eigentlich hauptsächlich die Bibel lesen sollten? Angespornt von den eifrigen Missionaren, gingen nach der Teilung Indiens, im Jahr 1947, auch die anderen Glaubensgemeinschaften dazu über, Schulen zu bauen und sich um den Lebensstandard der Menschen zu kümmern, zum Wohle des gesamten Staates, aber auch der eigenen Religionsgemeinschaft. Heute ist die Erkenntnis, dass Bildung die Basis für das Wohlergehen des Einzelnen aber auch der ganzen Gesellschaft ist, fest im Bewusstsein der Menschen verankert.
Multikulturalität sorgt für Toleranz:
Wie weit interreligiöse Toleranz und friedliches Miteinander gehen kann, wird in der so genannten "Jewtown", dem Judenviertel von Mattancherry, das freilich keinesfalls ein Ghetto ist, deutlich. Man wohnt eng aufeinander, in unmittelbarer Nachbarschaft zu den anderen Communities. Bunte Häuser reihen sich aneinander und erinnern ein wenig an Südeuropa. Auch hier spielt Bildung eine wichtige Rolle. In Mattancherry betreibt die 93-jährige Sarah Cohen einen kleinen Laden für liturgischen Hausrat, und das bereits, so lange sie denken kann. Sarah Cohen gehört den so genannten „weißen Juden“ an, die aufgrund ihrer Verfolgung im Europa des ausgehenden 15. Jahrhunderts nach Cochin kamen und hier sesshaft wurden. Sie genossen einen, gemessen am Durchschnitt vieler Einheimischer, vergleichsweise hohen Bildungsstand. Das hatte selbst noch im frühen 20. Jahrhundert eine große Bedeutung, wie die zierliche Frau, die jeden Tag in ihrem kleinen Laden sitzt, betont. Aufgewachsen in einem gutbürgerlichen Elternhaus, in dem lesen, schreiben und die Beherrschung der englischen Sprache selbstverständlich war, besuchte sie als Kind eine religiös gemischte Schule. Täglich drückten dort die Sprösslinge aller Konfessionen gemeinsam die Schulbank. Für Sarah Cohen war es selbstverständlich, Mitschülern, die aus weniger privilegieren Elternhäusern kamen, nachmittags Nachhilfeunterricht zu geben. Auch ihr späterer Mann kümmerte sich um die Belange der muslimischen oder hinduistischen Nachbarn. Derart selbstlose Hingabe bleibt im kollektiven Gedächtnis vieler Menschen hängen, und sie verbindet dauerhaft miteinander.

Mittlerweile sind die Juden von Cochin fast völlig verschwunden. Es existiert buchstäblich nur noch eine Handvoll von ihnen in der Stadt, die schon immer Menschen aus aller Herren Länder angezogen hat. Die Alten starben weg, die Jungen wanderten aus, viele von ihnen nach Israel. Mit ihnen verschwand auch die fast 400-jährige gelebte jüdische Tradition aus Cochin. Nur ein paar Juden leben noch in der liebevoll restaurierten Jewtown, wo die meisten der Touristenläden mittlerweile in muslimischer Hand sind. In der alten Pardesi Synagoge, dem Gotteshaus der „weißen Juden“ von Cochin, werden längst keine Gottesdienste mehr gefeiert, es fehlen die Gemeindemitglieder. Nur wenn zufällig eine jüdische Reisegruppe ihren Weg ins Judenviertel findet, und sich mindestens 10 männliche Erwachsene unter ihnen finden, verwandelt sich die Synagoge wieder in das, was sie über Jahrhunderte war: ein Gotteshaus öffentlich gelebten Glaubens. Dafür beherbergt die kleine Gasse, die an Sarah Cohens Laden vorbei zur Synagoge führt, eine Geschichte, die wohl einzigartig auf der Welt ist.
Eine Geschichte wie im Märchen:
Tahar Ibrahim ist Muslim, und er lebt mit seiner Familie unweit vom Haus Sarah Cohens. Seit Jahren kümmert er sich um die alte Frau. Er macht Besorgungen, sieht nach dem Rechten und seit einiger Zeit hat er für sie sogar die Leitung ihres Ladens übernommen. Sie lehrt ihn im Gegenzug Englisch und erklärt ihm die Zusammenhänge der jüdischen Kultur und deren Geschichte in Mattancherry. Dieses Wissen kann er dann wiederum an die zahlreichen Touristen weitergeben, die sich unentwegt durch das alte Judenviertel schieben. Das bringt einen kleinen Zusatzverdienst, den man auch in Kerala gut gebrauchen kann. Aus einem anfänglichen Akt gegenseitiger Nachbarschaftshilfe ist im Lauf der Jahre eine wohl einzigartige Symbiose entstanden, von der beide Seiten profitieren. 
Sogar eine gemeinsame Visitenkarte haben die beiden. Wann immer Sarah Cohen eine Besorgung zu machen hat, ist Tahar Ibrahim zur Stelle. Bei den letzten Parlamentswahlen hat er sie sogar extra ins Wahllokal gefahren, damit sie ihre Stimme abgeben konnte. Gäbe es ihn nicht, wäre nicht nur die Welt um eine rührende Geschichte ärmer, auch die zahlreichen Touristen müssten auf interessante Details aus dem Leben der Juden von Cochin verzichten. „Ich habe ihm alles beigebracht, was das Leben von uns Juden ausmacht“, verkündet die fragil wirkende Mittneunzigerin stolz. „Er kennt unsere Gebräuche, die Gebete, unsere Geschichte. Er weiß alles“. Und Tahar Ibrahim ist einfach nur glücklich. Für ihn ist die Freundschaft zu der alten Dame ein lebendiger Beweis für die Liebe Gottes. Unvorstellbar für die beiden, dass sich andernorts Juden und Muslime bis aufs Blut bekämpfen. „Der Islam lehrt uns nicht zu kämpfen – niemals“, stellt Tahar Ibrahim klar. „Wir Muslime sagen „Asalaam-u-alaikum, d.h. Gott segne dich. Die Juden sagen Shalom. Das ist dasselbe: Gott segne dich. Die Christen sagen es auf ihre Weise, aber es ist alles dasselbe. So fühle ich. Für mich sind die Kinder Anderer wie meine eigenen Kinder, so sollte es sein. Warum sollten wir kämpfen?“ Eine außergewöhnliche Einstellung, die Tahar indes mit vielen Keraliten teilt. Ist es also tatsächlich so, dass hier ein humanistisches Ideal erreicht wird, und alle Menschen Brüder werden? Fast hat es den Anschein.
Sogar die Politik gibt sich pragmatisch:
Und als ob dieses Ausmaß an ungewöhnlicher Harmonie im Süden Indiens nicht schon genug wäre, hat der Palmenstaat noch ein Superlativ in der Hinterhand, ein politisches. Kerala verfügt nämlich seit fast 60 Jahren über die erste frei gewählte kommunistische Regierung der Welt. Zahlreiche mehr oder weniger marxistische Gruppierungen und Parteien, die sowohl auf regionaler wie auf nationaler Ebene agieren, bemühen sich, den Solidaritätsgedanken in den Köpfen der Bürger zu verankern. Seit den 1950er Jahren ist die KP entweder allein oder als Teil einer Koalition an der Regierungsverantwortung beteiligt. Nicht persönliche Bereicherung ihrer Kader scheint auf der Liste ihrer Agenda zu stehen, sondern die Aufrechterhaltung des erreichten Bildungsniveaus und die weitere Verbesserung der Lebensumstände ihrer Bürger – und die danken es den Genossen immer wieder. Da mag selbst die sonst in Kommunismusfragen eher kritisch denkende katholische Kirche nicht mit Lob zurückstehen. Pater Gasper jedenfalls hat eine erstaunliche Erklärung dafür, warum der Bischof von Cochin in der KP kein Werkzeug des Teufels sieht. Warum er sogar persönlich Menschen kennt, die zugleich Parteifunktionär und gläubiges Schäflein des Herrn sind. „Immerhin sind wir ein demokratisches Land“, erläutert er. „Wie könnte daher eine Partei ihren Mitgliedern verbieten, eine Kirche aufzusuchen oder umgekehrt?

Eine Kombination aus mehreren Faktoren bringt den Erfolg:
Multikulturalität, Multireligiosität und gleiche Bildungsrechte für Alle. Das scheinen die Garanten für einen weitergehenden sozialen Konsens in Keralas Gesellschaft zu sein. Wer als Bürger das Zusammenleben mit "dem Fremden" gewohnt ist, der wird vermutlich seltener auf kulturelle Stereotypen hereinfallen. Wer als gläubiger Mensch mit den religiösen Werten und Riten seiner Mitmenschen vertraut ist, der kann aller Wahrscheinlichkeit nach akzeptieren, dass keine substantiellen Unterschiede zwischen den einzelnen Glaubenskonzepten existieren. Dass sie alle gleichberechtigt und legitim sind. Wer als Gesellschaft Wert auf Bildung und Bildungsgerechtigkeit legt, der sorgt nachhaltig für sozialen Frieden im Land, weil dumpfe Polemik und falsche Tatsachenbehauptungen nicht so leicht verfangen. In demselben Maß, in welchem gesellschaftliche Gruppen keine Angst vor Benachteiligung und Dominanzstreben haben müssen, verlieren politische und religiöse Hardliner an Einfluss. Wo ein offener Gesellschaftsdiskurs auf der Basis gemeinsam verbindender Werte stattfindet, reduziert sich die Gefahr gewaltsamer Konfliktlösungen - wenngleich einzelne Akteure diese anstreben mögen. Es ist also beileibe kein "Wunder", was sich da in Indiens heißem Süden abspielt, sondern eine Kombination aus gelebten religiösen Werten, darauf basierenden gesellschaftlichen Überzeugungen und einer politischen Kultur, die auf Pragmatik basiert. Fast scheint es, als seien in Kerala all die Faktoren, die anderswo als Hindernis oder gar Bedrohung empfunden werden, in einen Vorteil für die Menschen umgemünzt worden, in „Gottes eigenem Land“.

Kaschmir: Gar nichts ist vorbei

Der Kaschmir-Konflikt geht in eine neue Runde

Bereits seit über 70 Jahren streiten sich Indien und Pakistan über die politische Zugehörigkeit des kleinen aber strategisch wichtigen Kaschmir-Tals. Zwischen 1989 und 2006 wütete in dem Himalaja-Staat, der zu zwei Dritteln von Indien kontrolliert wird, ein blutiger Bürgerkrieg, bei dem Schätzungen zufolge fast 100.00 Menschen um kamen. Es ging vordergründig um die politische Selbstbestimmung der Kaschmiris, die selbst über ihre Zukunft entscheiden wollten. Doch auch religiös-extremistische Gruppen und pakistanische Jihadisten mischten mit, um ihren Machtanspruch auf die Region geltend zu machen. Am Ende herrschten Chaos, Gewalt und politischer Stillstand im einstigen Paradies der Mogulkaiser.

Im Jahr 2006 war dann in Indien und auch in Kaschmir allgemein die Rede davon, dass die „heiße Phase“ des Konfliktes nun wohl überstanden sei. Die Menschen waren kriegsmüde, die außerparlamentarische Opposition der APHC hatte in all den Jahren des Mordens nichts bewirken können, und nun hatte eine neue Generation von Politikern die Bühne betreten. Der ehemalige Ministerpräsident Farooq Abdullah war in Kaschmir Geschichte, und von den neuen Protagonisten erwarteten die Menschen nicht weniger, als dass sie nun die verfahrene Situation politisch lösen würden. Dies geschah freilich nicht. Statt dessen erlagen nicht wenige von ihnen selbst der Versuchung, Politik um des eigenen Machterhalts wegen zu machen. Bereits damals zeigte sich, dass nicht unerhebliche Teile der Bevölkerung durch laue Versprechen von Frieden, Freiheit und Wohlstand in nicht allzu ferner Zukunft nicht mehr zu erreichen waren. Dies galt beispielsweise für weite Teile von Srinagars Altstadt „Downtown“, wo der Widerstand gegen die wahrgenommene „indische Besatzung“ traditionell hoch ist. Ebenso wie die Bereitschaft, für diese Überzeugung aktiv zu handeln. Es waren und sind hauptsächlich Jugendliche in der Altersgruppe zwischen, die hier – aus ihrer Sicht – die Flamme des Widerstandes am flackern halten. Aber auch in vielen anderen Stadt- und Landesteilen konnte die frohe Botschaft vom nahenden Friedensprozess nicht zünden. Zu viel war geschehen, und die ganze Sache hatte einen entscheidenden Haken: Es wurde noch immer nicht offiziell über Schuld, Strafe und Entschuldigung gesprochen. Das wird es bis heute nicht. Wirtschaftliches Wohlergehen soll die Menschen nach vorne blicken lassen, aber der versprochene Wohlstand ist erstens nicht Alles, und er erreicht zweitens weite Teile der Bevölkerung schlichtweg nicht.

Ungeachtet dessen waren erheblich mehr Menschen im Jahr 2008 bereit, zu den Wahlurnen zu gehen, als dies in der Vergangenheit der Fall gewesen war. Die Hoffnung trieb sie, und die üblichen Versprechen. Aber in diesem Jahr kam es auch seit längerem wieder landesweit zu massiven, gewaltsamen Protesten. Auslöser war der Tod einiger Demonstranten, die im Verlauf jenes Sommers ums Leben gekommen waren – getötet von indischen Sicherheitskräften, sagen die Freunde der Getöteten. Der Konflikt hat sein Gesicht gewandelt. Nicht mehr Selbstmordattentäter und schwerbewaffnete Killerkommandos beherrschen mittlerweile die Szene. Es ist die Generation der 15 bis 25jährigen Mainstreamkids, die da heute gegen die Staatsmacht Indiens ankämpfen, und die nichts Geringeres fordern als Demokratie. All das, was ihnen fast ihr gesamtes Leben vorenthalten wurde. Bildung, Arbeit, Meinungsfreiheit – ein Leben in Würde. Es treten teilweise die alten Hotspots wieder hervor, die bereits in der Vergangenheit die Masse der Widerständler stellten, und die deshalb bis heute unter „besonderer Fürsorge“ der indischen Sicherheitskräfte stehen: Downtown Srinagar, Sopore (in Nord-Kaschmir), Baramullah (in West-Kaschmir) und Anantnag (genannt „Islamabad“, in Süd-Kaschmir). Gegenden, in denen der Bürgerkrieg schrecklich gewütet hat. Seit jenen Tagen im Sommer 2008 war ich mehrere Male in Kaschmir, und es hat mich jedes Mal frappiert zu sehen, dass sich, abgesehen von einigen Regierungs-Prestigeobjekten, einer stark gestiegenen Anzahl einheimischer Touristen (von denen der Normalbürger nicht profitiert) und einer gewissen Normalisierung des täglichen Lebens, nichts Substanzielles verändert hat. Und so stehe ich Anfang 2013 wieder einmal am Rande einer gewaltsamen Demonstration, in Srinagars Altstadt am Idgah, wo sich der Märtyrerfriedhof befindet. Die Bilder der vergangenen Jahre gleichen sich, teilweise bis ins Detail.

Alte Überzeugungen, neue Strukturen

Am Märtyrerfriedhof treffe ich einen jungen Mann, der sich Yussuf nennt. Ich verabrede mich mit ihm an einem ruhigeren Ort. In seinem bürgerlichen Leben ist der schmächtige Zwanzigjährige mit der Baseballkappe Journalist, und damit nicht unbedingt schlecht gestellt, aber zuallererst sieht er sich als Kaschmiri. Wenn über Facebook oder Twitter der Aufruf zu einer Aktion kommt, muss er nicht zweimal nachdenken. Dann muss er handeln, und die Arbeit muss warten. Die wieder aufgeflammte Gewalt in Kaschmir ist für ihn nur logisch, weil erstens die Grundforderung nach einem Plebiszit noch nicht erfüllt wurde, und weil zweitens die Sicherheitskräfte fortgesetzt gewaltsam gegen, wie er es nennt, legitime Demonstrationen, vorgehen. Seine Rechtfertigung für Gewaltanwendung, die von Demonstranten ausgeht lautet: „Wenn man man Waffen angegriffen wird, hat man jedes Recht, sich mit Steinwürfen zu wehren.“ Es ist also ein ungleicher Kampf, der hier in Kaschmir momentan seine Fortsetzung findet. Im Zentrum der Kritik steht auch die Landesregierung von Kaschmir, der mittlerweile der dritte Spross der Abdullah-Dynastie vorsteht – Omar Abdullah, der den größten Teil seines Lebens in England verbracht hat. Seine Regierung gilt vielen Kaschmiris lediglich als willfährige Marionettenregierung von Neu Delhis Gnaden. Warum aber begnügen sich die Demonstranten mit Steinwürfen, frage ich den zornigen jungen Mann? Warum greifen sie nicht auf Maschinenpistolen und Bombenattentate zurück, um den Sicherheitskräften größere Verluste beizubringen, wie in der Vergangenheit? Schließlich sind die Waffen ja massenhaft vorhanden. Seine Antwort fällt überraschend aus: „Weil“, so teilt er mir mit, „jeder, der heutzutage sein legitimes Recht auf Selbstverteidigung mit der Waffe in der Hand verteidigt“, das Label eines Terroristen aufgedrückt bekommt – mit allen Konsequenzen. Außerdem habe ja auch die Protestbewegung in Ägypten gezeigt, dass massive friedliche Proteste doch einiges bewegen könnten. Nun, das mit dem friedlichen Protest in Ägypten kann man zwar auch anders sehen, aber, die Frage die sich in diesem Kontext stellt, lautet: Ist der Protest hier so etwas, wie eine kaschmiri Intifada? Ein Aufstand der Jugend gegen einen übermächtigen Gegner, vertreten durch immer noch mehrere hunderttausend indische Militärstreitkräfte im Tal? Betrachtet Yussuf den Aufstand der palästinensischen Jugendlichen gegen Israel als Vorbild für sein eigenes Handeln? Zahlreiche Graffiti in Dowtown Srinagar legen den Gedanken nahe, und die Graffiti sind relativ neu.

Seine Antwort hierauf überrascht nun wiederum nicht wirklich. „Klar“, gesteht er freimütig, „ist die Intifada ein Quell der Motivation für uns. Sie zeigt, dass man auch mit friedlichen Mitteln gegen Dominanz und Ungerechtigkeit vorgehen kann.“ Aus der Ferne betrachtet, erscheint ihm das Verhalten der Palästinenser als vorbildlich friedlich. Auch hier in Kaschmir gehen die Demonstranten ein hohes persönliches Risiko ein. Immer wieder kommt es bei derartigen Protesten zu Toten. Berufsrisiko, meint Yussuf. Angst davor, selbst einmal eine Kugel in den Kopf zu bekommen, hat er nicht. Und das hat einen einfachen Grund, der mich wiederum alarmiert, weil er zeigt, wie tief sich separatistisches Denken – und vor Allem fühlen – sich bereits in dieser jungen Generation etabliert hat. Die zweite Konfliktgeneration, und eine, die kaum etwas anderes als Diskriminierung, Gewalt und Perspektivlosigkeit erfahren hat – individuell und als Gesellschaftsgruppe. „ Ich muss keine Angst haben, denn wenn ich bei solch einer Gelegenheit sterbe, komme ich ins Paradies und werde zum Märtyrer, weil ich mein Leben für eine gerechte Sache gegeben habe. Somit habe ich wenigstens im Tod noch etwas Ehre. Tod und Tod sind unterschiedlich. Wenn einer für eine gerechte Sache auf der Straße umkommt, zählt das mehr, als wenn er friedlich im Krankenhaus stirbt.“ Um die Würde geht es also hier, um die Ehre, wenn man so will. Wie aber könnte der Kaschmir-Konflikt aus seiner Sicht ehrenvoll gelöst werden, frage ich ihn noch. Gibt es da überhaupt eine Möglichkeit, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen? Wie lautet sein persönliches Ziel? Seine Antwort ist da ganz klar: „Mein, unser oberstes Ziel ist die Erfüllung jenes Versprechens, das die indische Regierung im Jahre 1949 vor den Vereinten Nationen abgelegt hat – das wir Kaschmiris endlich frei über unseren politischen Status entscheiden dürfen. Wenn diese Grundbedingung einmal erfüllt ist, werden sich die übrigen Probleme schon bald auch lösen lassen.“
Inshallah, denke ich, so Gott will – vermutlich jedoch wird der Konflikt nicht ganz so leicht zu bewältigen sein. Zu viel Schaden ist während der vergangenen 25 Jahre angerichtet worden, und es geht täglich weiter. Für Menschen wie Yussuf haben sowohl die APHC als auch die Regierung Kaschmirs jede Glaubwürdigkeit eingebüßt. Sie zählen einfach nicht mehr. Lediglich einige Hardliner wie der greise Chef der Jamaat-i-Islami, Syed Ali Shah Geelani, und der als moderat geltende Anführer der JKLF (Jammu and Kashmir Liberation Front) Yasin Malik genießen noch einen Rest an Respekt und Autorität. Der Rest ist Wut - und eine neuerliche, verstörende Affinität einzelner Gruppen für extremistische Strömungen. Keine allzu rosigen Aussichten also, für eine friedliche und blühende Zukunft Kaschmirs.

A visit that  changed life

A trip to Kashmir is incomplete  without staying in a houseboat

A trip to beautiful Kashmir, so it is said, is incomplete
without the visit to one of Srinagar’s houseboats.
When I came to the Valley for the first time,
20 years ago, I had no idea that this journey was
about to change my life.

After a lengthy journey, I was greeted at the
Tourist Reception Centre by a man, who had
turned up together with a driver and another
boy, the latter transferring my luggage into the
waiting cab. The man’s name was Majid and he
was to be my host for the coming days. A couple
of minutes later, we reached a Ghat near Nehru
Park, where a Shikara (water taxi) waited, ready to take me to a new experience of luxury and hospitality.
“Relax,” Majid encouraged me, while we
were setting out to cross the lake. “You are almost
at home. Everything is going to be fine.” And that
was just what I felt, being smoothly taken across
the water, while the noise of the city slowly faded in
the distance. Everything was alright, and I could
actually feel the stress of a long journey reducing
with every stroke of the boatman’s paddle.
We reached our destination, situated across the
open lake behind Nehru Park. With a big smile
he jumped ashore and invited me: “Welcome sir”.
My first impression, while being shown around
the boat was: “Wow, is it true at all?” There was a
distinct aroma of deodar wood in the air; the floor
being completely covered with oriental carpets.
“This is your living room,” Majid explained on
entering a room big enough to play soccer in. A
crystal cantilever was hanging from the ceiling
of the room; the wall was decorated with beautiful
Mughal-style paintings. “Just feel like at home,
we are at your service”, he added. I thought about
throwing myself onto a big sofa, which looked as
if it belonged to the Queen of England, but Majid
had different plans. “Let’s first have a look at the
other rooms and your veranda,” he insisted.
He showed me the dining room, which was
located behind the living room. A huge refrigerator
stood in one corner to ensure that guests are
always provided with cold juices and mineral water.
A richly decorated table stood at the centre of
the room, inviting the weary traveller to come sit,
dine and wine. “The boy here will see that everything
is done according to your choice. Come and
see your rooms,” Majid suggested. Rooms? How
many rooms? I had requested for one room. Soon
I understood why he had used the plural form. In
the sleeping room I saw a king size bed, flanked
by two small tables. Sofa chairs where standing in
the corners and everything was made out of wood.
Floral carvings covered every single inch of furniture
and ceiling – truly a king’s worthy. A little
dressing room was situated between the sleeping
room and the bath, the latter being tiled nicely and
with a bathtub, right besides the window so that
I could lie in warm water while peeping out into
nature. At that point, I wondered how much an accommodation
like this would probably cost in any
continental hotel. I skipped the thought.
Later we sat on the veranda, at the front of the
boat, where tea and Khawa, with saffron and almonds,
were served. Majid told me about his family,
about the long tradition of the houseboats, about the
former guests – ambassadors, British officers. Sitting
here and hearing all that was like history becoming
alive. He enquired about my requirements during
my stay. My idea was to take the boat as a base from
where to explore other places in the Valley. It turned
out to be a good idea. Each morning saw me enjoying
a sound breakfast, before visiting Phalagam,
the Mughal Gardens and the shrines of the Valley.
Everything was perfectly arranged by my host, from
taxis to lunch packets. In the evenings, I would sit on
the veranda or in the little garden, enjoying a truly
heavenly tea and listen to the stories of Majid, before
celebrating dinner in the boat’s mess. The last
morning saw me a little bit sad, because it was time
to leave. My taxi was waiting, my onward ticket was
arranged. Finally, when I got on my bus to Jammu, I
felt a great thankfulness; thankful for having been
able to experience a hospitality and paradise-like
landscape, that is hard to match.
It is true what people say: A visit to the Kashmir
Valley is incomplete without having stayed on a
houseboat. And for me? I have been returning to
the Valley approximately 15 times, since my first
visit; a visit that changed my life.

Deutsche Schäferhunde am Hindukusch

Seit Urzeiten begleitet der Hund den Menschen. Über die Jahrtausende als Wach- und Hütegehilfen eingesetzt, übernehmen unsere vierbeinigen Helfer heute weitaus komplexere Aufgaben. Sie geleiten Blinde sicher durch den Alltag, spüren Drogen auf und finden verschüttete Skifahrer, oder aber Landminen, und davon gibt es mehr als genug. 

Das Mine Detection and Dog Center in Kabul
Es ist acht Uhr morgens, und für die Männer vom MDC (Mine Detection and Dog Center) in Kabul beginnt nun die tägliche Arbeit. In ihren Zwingern warten bereits ihre vierbeinigen Partner darauf, ins Freie zu kommen. Es sind, neben einigen belgischen Schäferhunden, fast durchweg Deutsche Schäferhunde, die hier im MDC ausgebildet und auf ihren Einsatz als Minensucher vorbereitet werden. Mario Boer, seit 1996 technischer Leiter und Koordinator des MDC, weiß, warum: „Es ist nicht so, dass nicht auch andere Hunderassen in Frage kämen, aber seit 1989 haben die Afghanen gute Erfahrungen mit Schäferhunden gemacht. Die ersten 14 Hunde waren eine Spende der thailändischen Regierung, und mittlerweile haben wir hier unsere eigene Zucht, aus denen wir unsere Tiere rekrutieren. Was wir am Deutschen Schäferhund schätzen, ist seine besondere Bindung an den Hundeführer, das kameradschaftliche Verhältnis zum Menschen.“
Das wird auch benötigt, denn jeder Suchhund ist nur so motiviert und erfolgreich, wie sein Führer. Daher werden am MDC nicht nur Vierbeiner ausgebildet, sondern auch die dazugehörigen Zweibeiner, die Hundeführer. Ihrem Alter entsprechend durchlaufen die Schäferhunde mehrere Ausbildungsstufen, wobei am Ende, nach etwa 18 Monaten, eine gemeinsame Prüfung von Hund und Führer zu absolvieren ist. Für durchschnittlich acht Jahre werden die Hunde dann ihren gefährlichen Dienst verrichten. Insgesamt 12 einheimische Ausbilder kümmern sich um die zukünftigen Minensucher. Ihr Aufgabengebiet umfasst dabei:

- Training der Welpen 
- Training der jungen Hunde
- Wiederauffrischungskurse aktiver Hunde
- Ausbildung und Training neuer Hundeführer, Instruktoren und    Suchgruppenführer

Am Anfang stehen Ausbildung und Disziplin
Am Anfang jedes Erfolges steht jedoch die Ausbildung, und die beginnt für die Welpen bereits im Alter von acht Wochen, nachdem sie von der Mutter getrennt wurden. Gezielt werden bei den Welpen Spieltrieb und Sozialisation gefördert. Dies geschieht durch einen jeweiligen Hundeführer. Täglich besucht Habibullah, der Chefausbilder des MDC, die einzelnen Stationen der Ausbildung, um nach dem Rechten zu sehen. Schließlich ist er für den Erfolg verantwortlich. Gerade wurden neue Hundeführer rekrutiert, und die müssen, wie später auch ihre vierbeinigen Partner, erst einmal Disziplin, Gehorsam und unbedingte Aufmerksamkeit lernen. In langer Reihe sind die zukünftigen Minensucher vor ihrem Ausbilder angetreten, der sie formalen Übungen unterzieht, wieder und wieder. Das ist um so schwerer, als direkt nebenan sechs Welpen über die Wiese toben.
Von nun an wird ein kleiner Gummiball zum Objekt der Begierde bei den jungen Schäferhunden. Immer wieder schleudert der Ausbilder den Ball fort, während die Welpen freudig bellend hinterher stürzen. Dieser Ball wird die Hunde später zu Höchstleistungen anspornen, da sie ihn als Belohnung für erfolgreiches suchen erhalten werden. Daneben sollen kleine Spaziergänge auf dem 16 ha großen Gelände des MDC, Begegnungen mit fremden Menschen und Hunden, die Sozialisierung der Welpen stärken. Das ist wichtig für die spätere Selbstsicherheit des Hundes und seine Bindung an den Hundeführer. Etwa hundert Meter entfernt findet zur gleichen Zeit die Ausbildung älterer „Lehrlinge“ statt, das sogenannte „Balltraining“. Hier lernen die Hunde im Alter von ca. sechs bis neun Monaten die Grundlagen des Minensuchens, das Aufspüren versteckter Gegenstände. In diesem Fall ist es der Gummiball, der versteckt wird, und den der junge Hund unbedingt finden möchte. Auch Unterordnung wird von nun an geübt, das heißt, der Suchhund muss die Befehle des Ausbilders abwarten.
Danach beginnt die Phase der eigentlichen Minensuchausbildung, die „Explosivausbildung“ Zu diesem Zeitpunkt stehen Disziplin und Unterordnung an oberster Stelle. In markierten Bahnen sollen die Hunde vergrabene Minen-Attrappen aufspüren. Gezielt werden sie dabei mit den Gerüchen verschiedener Sprengstoffe vertraut gemacht, die sie später aufspüren müssen. Erst jetzt kommt der endgültige Hundeführer dazu. Unter der Aufsicht des Ausbilders gewöhnen sich Suchhund und Führer in der Folgezeit an die gemeinsame Arbeit. An der langen Leine lässt der Hundeführer seinen Helfer Bahn für Bahn absuchen. Zunächst werden Ball und Mine gemeinsam versteckt. Später ist nur noch die Mine vergraben. Der Hund verknüpft den versteckten Ball mit der Mine und dem Geruch von Sprengstoff und sucht – den Sprengstoff. Als Lob für erfolgreiches Suchen erhält er jedes Mal von seinem Führer den begehrten Ball zum spielen. Dies signalisiert dem Hund für die Zukunft: „Erschnüffle Sprengstoff, erhalte Ball und Lob“. Die logische Inkonsequenz zwischen Ball suchen, Mine finden und Ball aus der Hand des Hundeführers empfangen, erschließt sich dem Hund dabei nicht. Klare Kommandos und unbedingter Gehorsam werden dem Team von nun an abverlangt. Der Hundeführer muss Entschlossenheit und Selbstsicherheit ausstrahlen; er muss seinen Suchhund motivieren können. Auch bereits aktive Hunde erhalten hier ein Auffrischungstraining, denn Routine ist gefährlich.
Routine und Unachtsamkeit: die größten Feinde der Minensuche
„Wenn der Hundeführer unmotiviert oder unsicher ist, wenn er keine Lust oder gar Angst hat, merkt der Hund dies sofort, und die Gefahr eines tödlichen Fehlers steigt“, weiß Mario Boer. „Man kann sagen, dass eigentlich alle bisherigen Unfälle, die wir hatten, auf menschliche Fehler oder Unachtsamkeiten zurückzuführen waren. Wenn die Hunde motiviert und aufmerksam sind, haben sie eine durchschnittliche Erfolgsquote bei der Minensuche von 99,6 Prozent.“ 
Also trainieren Hund und Hundeführer an dieser Stelle gemeinsam die grundlegenden Strukturen des Minensuchens, die sich später immer wiederholen werden. Erst wenn die Grundlagen sitzen, wenn Mann und Hund eine Einheit bilden, die sich bedingungslos versteht, die einander vertrauen kann, wird aus den Akteuren ein Team.

Was unterscheidet den Suchhund von der Suchratte?

Es sind ausschließlich die Belohnungen, die den Hund zur Suche motivieren. Die Freude, gelobt zu werden, spielen zu dürfen, ist die Antriebsfeder des Hundes, im Gegensatz zu „Minensuchratten“, die in jüngster Zeit eingesetzt werden. „Ratten“, weiß Mario Boer, „wollen ihre Artgenossen vor unnatürlichen Gegenständen im Boden warnen. Ihnen geht es nicht um Sprengstoff, den sie – quasi als Gegenleistung für Zuwendung – erschnüffeln. Vielmehr macht man sich ihr Sozialverhalten zunutze. Die Ratte wittert instinktiv Gefahr durch den vergrabenen Gegenstand, der normalerweise dort nichts verloren hat, und zeigt ein entsprechendes Verhalten.“ Dem Hund ist das wiederum egal. Er wird klassisch konditioniert und will nur positive Erfahrungen machen. 

Am Ende der Ausbildung, in der „pre-deployment“ Phase, muss der Suchhund in der Lage sein, ohne Leine ein mutmaßliches Minenfeld systematisch abzusuchen. Wird der Hund fündig, hat er seinen Fund anzuzeigen. Dies kann durch hinsetzen, umblicken zum Hundeführer oder verbellen geschehen“, erklärt Habibullah, der Chefausbilder. In keinem Fall darf er jedoch anfangen zu graben oder zu scharren, aus naheliegenden Gründen. „Die Minen haben ein Auslösegewicht von bereits drei Kilogramm“, weiß Mario Boer, der seinerzeit das Handwerk bei der Nationalen Volksarmee erlernt hat. „Wenn ein ausgewachsener Schäferhund von etwa 30 Kilo sich darauf stürzt und buddelt, kann eine Landmine sehr leicht explodieren“, mit fatalen Folgen für Hund und Mensch. Aus diesem Grund sind auch aggressive Hunde nicht erwünscht bei den Minensuchern. Das Risiko ist einfach zu hoch.

Gerade hat ein Schäferhundrüde eine vergrabene russische Antipersonen-Mine gefunden und zeigt sie durch hinsetzen an. Der Hundeführer ruft das Tier zurück, rauft ausgiebig mit ihm und überlässt ihm den Ball. Deutlich ist dem Hund die Freude anzumerken. Im Ernstfall würde nun ein zweiter Suchhund die selbe Strecke ablaufen. Erst dann würde das Räumkommando anrücken und die Mine entfernen.

Wenn am Ende der Ausbildungszeit Hund und Führer ihre Abschlussprüfung erfolgreich absolviert haben, werden sie entweder in Mine Dog Groups oder Mine Dog Sets eingesetzt. Während die MDG aus einer Kombination von Suchern und Räumern bestehen, sind die MDS lediglich für die Suche verantwortlich. Für die Hunde ändert sich dadurch nichts. 

Hunde schaffen Arbeitsplätze
Jedes Set besteht aus einem Set-Führer, zwei Hunden mit ihren Führern sowie einem Fahrer. Jede Gruppe besteht insgesamt aus 25 Personen und vier Hunden. Somit schafft die Tätigkeit des Minensuchens mit Hunden auch Arbeitsplätze, und die sogar nachhaltig, wenn man davon ausgeht, dass in Afghanistan über 10 Millionen Landminen vergraben sind. Doch auch die Ausbildung der Schäferhunde und ihrer Führer sichert eine Beschäftigung für zahlreiche Mitarbeiter des MDC. Veterinäre, die das eigene Krankenhaus betreuen, Zwingerpersonal, Ausbilder. Sie alle verdanken ihre Tätigkeit dem Umstand, dass sich die Minensuche mit Hunden in Afghanistan etabliert hat.

Möglichkeiten und Grenzen der Minensuche
Zahlreiche Such- und Räumteams sind in Afghanistan, mit seinen unterschiedlichen klimatischen und geographischen Zonen unterwegs. „Wenn es im Norden zu kalt ist, gehen wir in den Süden. Wenn es in einer Region zu heiß wird, oder anhaltend regnet, verlagern wir die Suche an einen anderen Ort“, erklärt Mario Boer. Auch Hunde haben nämlich ihre körperlichen Grenzen, und die hängen in diesem Fall mit Temperatur und Bodenstruktur des jeweiligen Suchgebietes zusammen. Ein gefrorener Boden ist denkbar ungünstig für die Suche, weil die Geruchsmoleküle des Sprengstoffs „träge“ werden und für die Hunde nicht mehr gut wahrnehmbar sind, so der leitende Koordinator des MDC. Anhaltender Regen oder stark ansteigender Boden können die Suche ebenfalls behindern. Das gleiche gilt für stark bewachsenes Gelände. Dennoch ist die Suche mit Hunden eine der effektivsten Methoden der Minensuche, werden die Deutschen Schäferhunde doch überall da eingesetzt, wo mechanische Hilfsmittel an ihre Grenzen stoßen. Typische Gegenden der MDC - Operationen sind Strassen und geplante Neubaugebiete. Hier gilt die Aufmerksamkeit der Suchteams insbesondere für die kleinen, nichtmetallischen Antipersonen-Minen, die mitunter die Größe eines Eishockeypucks haben. Diese können nämlich mit mechanischen Hilfsmitteln nur unzureichend geortet werden. Aber auch „klassische“ Minentypen werden gesucht.
russische Anti-Personenmine
Minen suchen kostet viel Geld
Und da liegt freilich die Kehrseite der Medaille. Minen suchen kostet viel Geld, und dabei ist die Suche mit Hunden noch eine der kostengünstigeren Varianten. „Das Auffinden und Räumen einer Mine nach dem Verfahren des MDC kostet etwa 1200 Euro, während eine Antipersonen-Mine bereits ab drei Euro zu haben ist“, rechnet Mario Boer vor. Genau hier liegt die Perversität des Einsatzes von Landminen: Zusätzlich zum menschlichen Leid kommen die Folgekosten für die Suche und Räumung der Minen. Hinzu kommen hohe Kosten für Operationen Überlebender sowie prothetische Maßnahmen. Meist überleben Minenopfer nämlich ihre grausamen Verletzungen. Antipersonen-Minen sind dafür konzipiert, zu verstümmeln, nicht zu töten. Auf diese Weise lässt sich, bei minimalem eigenen Einsatz, dem Kriegsgegner eine jahrzehntelange Last aufbürden.
Einen ausgebildeten Minensuchhund auf dem freien Markt zu kaufen, würde etwa 7000 US Dollar kosten, weiß Mario Boer. Daher züchtet man beim MDC bereits seit 1994 den eigenen Nachwuchs. Damit lässt sich züchterische Qualität aufrecht erhalten, lassen sich Kosten minimieren. Das Geld für das MDC kommt bereits seit 1996 zu 50 Prozent aus Deutschland. „Häufige, mitunter „überkorrekte“ Kontrollen aus der Heimat sollen eine zweckmäßige Verwendung der Hilfsgelder sicherstellen – und binden während ihrer Anwesenheit in Kabul immer wieder wertvolle Arbeitskräfte“, so Mario Boer. Kontrolle ist wichtig, aber sie darf nicht zum Selbstzweck werden. Wer den Orient kennt weiß, dass die örtlichen Umstände es manchmal nötig machen, Wege zu gehen, die in deutschen Vorschriften nicht vorgesehen sind. Soll man dann die Arbeit einstellen? Wohl kaum.
Von 1995 bis 2001 haben die Mine Dog Groups des MDC in Afghanistan 20.283 explosive Gegenstände geortet und geräumt. Insgesamt wurden über 82 Quadratkilometer Fläche von Minen und anderen Explosivkörpern gesäubert. Zehn Mitarbeiter und 16 Hunde starben während dieses Zeitraums, nicht nur durch „Arbeitsunfälle“.*

Es ist mittlerweile 10 Uhr und für heute beendet Chefausbilder Habibullah den Unterricht. Einige Tage zuvor ist eine Mine Dog Group im Westen des Landes in einen Hinterhalt geraten und in die Luft gesprengt worden. Die Mine, auf die das Fahrzeug der Gruppe fuhr, war nach erfolgreicher Räumung erneut an der betreffenden Stelle platziert worden. Zwei Führer mit ihren Suchhunden starben. Ein schmerzlicher Verlust für die Mitarbeiter des MDC und die Menschen von Afghanistan gleichermaßen. Nun findet eine Trauerfeier statt. Sie erinnert uns daran, dass die Suchteams, Hunde und Menschen, ein hohes Risiko bei ihrer Arbeit eingehen. Ein Engagement für das sie mitunter den höchsten Preis zahlen, den man sich vorstellen kann, den Verlust ihres Lebens. 

Die Minensuche mit Deutschen Schäferhunden ist also eine Erfolgsgeschichte, für die Weiterentwicklung der Suchtechnik, für die Menschen in Afghanistan - und für die Humanität.